Warum schlechte Luft krank macht – und was Schulen, Büros und Pflegeheime dagegen tun können 

Ein leiser Killer in drei Generationen

Sie sehen ihn nicht.
Sie riechen ihn nicht.
Sie können ihn nicht anfassen.
Aber er ist da – in Ihrer Wohnung, im Büro, in der Schule Ihrer Kinder und im Altenpflegeheim Ihrer Eltern:

Schlechte Luft.

Während wir Desinfektionsspender aufstellen, Masken tragen und Hustensaft kaufen, vergessen wir das Unsichtbare: die Raumluft, die uns täglich umgibt – und durchdringt.

Und genau diese Luft entscheidet über:

  • unsere Konzentration im Büro,
  • die Lungenkraft unserer Kinder,
  • die Lebensqualität unserer Großeltern,
  • und die Belastung unseres Gesundheitssystems.

Wenn Gesundheit zur Raumfrage wird

Wo wir leben, arbeiten und lernen – dort entscheidet sich unsere Gesundheit

Klar, draußen ist die Luft auch nicht immer ideal. Aber:

Wir verbringen 90 % unseres Lebens in Innenräumen.

Das bedeutet: Wer über Gesundheit spricht, muss über Innenluft sprechen.

Und doch passiert genau das fast nie.

Wir diskutieren über Zucker, Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel.
Aber Luft? Gilt als selbstverständlich.

Dabei ist sie die erste medizinische Maßnahme jedes Neugeborenen: der erste Atemzug.
Und gleichzeitig das letzte, was viele pflegebedürftige Menschen im Heim ungehindert bekommen.

Doch dazwischen?

Zwischen Kindergarten und Großraumbüro, zwischen Schulklasse und Homeoffice – atmen wir still und beständig – und atmen dabei viele Risiken ein.

Drei Räume – drei Geschichten

1. Der Schulraum: „Mein Sohn hustet seit Wochen – aber niemand nimmt es ernst“

Frau R. ist Mutter eines achtjährigen Sohnes. Seit der kalten Jahreszeit hustet ihr Kind fast dauerhaft. Kein Fieber, kein Corona. Also geht er weiter zur Schule.

Was sie nicht wusste:
In der Klasse ihres Sohnes liegt der CO₂-Wert morgens bei 650 ppm – und erreicht nach der großen Pause oft über 2.000 ppm.

Die Fenster sind alt. Lüften bedeutet Frieren. Also lässt man sie zu.

Die Folge: Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Ansteckungen.
Der Husten ihres Sohnes ist kein Einzelfall – er ist ein Symptom eines Systems, das Luftqualität ignoriert.

2. Das Büro: „Nachmittags falle ich regelmäßig ins Konzentrationsloch“

Herr T. arbeitet als Teamleiter in einem Versicherungsunternehmen.
Er ist gesund, sportlich, ernährt sich bewusst.

Aber: Ab 15 Uhr fühlt er sich wie ausgeknipst.
Meetings? Zäh. Entscheidungen? Schwer. Kommunikation? Reizbar.

Erst seit ein CO₂-Messgerät im Raum steht, weiß er:
Der CO₂-Wert liegt zu diesen Zeiten oft bei 2.200 ppm.

Sein Gehirn arbeitet auf Sparflamme – ganz ohne dass er krank ist.
Nur weil die Luft verbraucht ist.

3. Das Pflegezimmer: „Opa hat kaum noch Kraft – liegt es wirklich am Alter?“

Frau L. besucht ihren Vater zweimal wöchentlich im Pflegeheim.
Seit Monaten wirkt er apathisch, antriebslos, manchmal verwirrt.

Die Pflegekräfte sagen: „Das ist eben das Alter.“

Aber:
Sein Zimmer hat keine Lüftung.
Die Fenster sind aus Sicherheitsgründen geschlossen.
Besucher und Personal atmen sich die Luft gegenseitig ein.

Der Mann atmet täglich die gleiche abgestandene Luft.

Und niemand merkt es.

Was schlechte Luft im Körper anrichtet – vom Kindergarten bis zur Pflegeeinrichtung

Ein bisschen stickig? Nein – ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko

Schlechte Luft ist kein Stimmungskiller. Sie ist ein biologischer Angriff auf unsere Vitalfunktionen – langsam, dauerhaft, tiefgreifend.

Und das beginnt früh.

Kinder atmen mehr – und werden schneller krank

Ein Kind atmet – je nach Alter – etwa zweimal so viel Luft pro Kilogramm Körpergewicht wie ein Erwachsener.

Das heißt:

  • mehr Schadstoffe,
  • mehr CO₂,
  • mehr virenbelastete Aerosole erreichen prozentual ihr System.

Besonders betroffen:

  • Grundschulkinder mit langen Schultagen
  • Kitakinder mit geschlossenen Gruppenräumen
  • Jugendliche in schlecht belüfteten Klassenzimmern

Ergebnis:
Häufige Infekte, Husten, Asthmaanfälle – und steigende Fehlzeiten.

Berufstätige verlieren Leistung und Lebensqualität

Sie fühlen sich „nicht richtig krank“, aber auch „nicht ganz fit“?

Dann könnte schlechte Luft im Spiel sein.

Wissenschaftlich bewiesen:
Bei CO₂-Werten über 1.500 ppm sinkt:

  • die Konzentrationsfähigkeit um bis zu 25 %
  • die Entscheidungsfreude um 30 %
  • die Fehlerquote steigt um bis zu 60 %

Langfristige Folgen:

  • Erschöpfung (Fatigue)
  • Kopfschmerzen
  • chronischer Husten
  • erhöhte Infektanfälligkeit
  • psychische Gereiztheit durch Dauerstress

Pflegebedürftige sind besonders verwundbar

Viele ältere Menschen atmen flacher, langsamer – aber ihre Organe sind anfälliger.

Wenn Luftqualität schlecht ist, führt das zu:

  • Atemnot
  • Kreislaufproblemen
  • gestörtem Schlaf
  • Infektionsanfälligkeit
  • beschleunigter Demenzentwicklung (durch Sauerstoffunterversorgung im Gehirn)

Und all das passiert still.
Es wird dem Alter zugeschrieben.
Oder „schlechten Tagen“.
Dabei ist oft einfach: schlechte Luft im Raum.

Wissenshäppchen für den Alltag

  • Luftverschmutzung in Innenräumen ist laut WHO eines der größten Umwelt-Gesundheitsrisiken weltweit.
  • Kinder, ältere Menschen und chronisch Kranke zählen zu den besonders empfindlichen Gruppen.
  • Innenluft kann – je nach Quelle – 2 bis 5 Mal stärker belastet sein als Außenluft.

Warum wir das nicht merken – und warum das System es bequem findet

Der unsichtbare Gegner hat keine Lobby

Wir merken es nicht.
Wir riechen es nicht.
Und wenn wir es doch spüren – dann schieben wir es auf:

  • das Wetter
  • das Alter
  • den Stress
  • den Kaffee
  • oder auf uns selbst

Denn schlechte Luft ist kein Ereignis.
Sie ist ein Zustand.
Und genau deshalb ist sie so gefährlich – und gesellschaftlich so praktisch.

Verdrängung hat System – und ist erstaunlich bequem

1. In der Schule?
Das Fenster bleibt zu, „weil es zieht“.
Elternrat und Lehrkräfte reden über Digitalisierung – aber nicht über CO₂-Werte.
Niemand will die Schuldige sein, wenn Kinder frieren oder krank werden.

2. Im Büro?
Luftfilter? „Zu teuer.“
Lüften? „Stört die Konzentration.“
CO₂-Messgerät? „Macht nur Panik.“
Also lieber: Augen zu und durch – mit Augenringen.

3. Im Pflegeheim?
„Wir tun unser Bestes.“
„So ist das halt im Alter.“
„Er war heute einfach nicht gut drauf.“

Die Wahrheit ist:
Schlechte Luft ist systemisch – und damit strukturell normalisiert.

Ein offenes Fenster ist kein Hygienekonzept

„Lüftet halt mal ordentlich“ – dieser Satz ist so deutsch wie ineffektiv.

Denn:

  • Stoßlüften muss regelmäßig und systematisch geschehen
  • Fensterkippen bringt fast nichts
  • viele Räume sind baulich ungeeignet
  • in Schulen und Pflegeeinrichtungen gibt es Sicherheitsgründe, warum Fenster nicht offen bleiben dürfen

Aber stattdessen herrscht:

Trägheit, Ausreden und ein erstaunlich hoher Leidensdruck auf allen Seiten.

Das größte Problem: Niemand ist verantwortlich

Wer ist eigentlich zuständig für Luftqualität?

  • Die Gebäudeverwaltung?
  • Die Lehrkraft?
  • Die Reinigungskraft?
  • Die Schulleitung?
  • Der Hausmeister?
  • Die Pflegekraft?
  • Die Sekretärin?
  • Die Eltern?
  • Die Mitarbeitenden selbst?

Antwort:
Niemand. Und damit: niemand.

Die Lösung beginnt mit Sichtbarkeit – Was Sie selbst tun können, um Luft zum Thema zu machen

Was wir nicht sehen, wird nicht geschützt

Der größte Feind der Luftqualität ist nicht CO₂.
Es ist: Unwissen.

Solange niemand misst, merkt auch niemand etwas.
Und solange niemand etwas merkt, passiert auch nichts.
Das ist der Kreislauf, den wir durchbrechen müssen.

Luft sichtbar machen – mit drei kleinen Schritten

1. CO₂-Messgerät anschaffen (oder vorschlagen)
Ein einfaches Gerät für unter 50 Euro kann die Luftqualität im Raum sichtbar machen – in Farben, Zahlen und Alarmstufen.

Wer einmal sieht, dass der CO₂-Wert bei 2.000 ppm liegt, lüftet freiwillig. Versprochen.

2. Luft zum Thema machen
Sagen Sie im Meeting:

„Ich habe das Gefühl, wir brauchen mal frische Luft.“
Oder:
„Ich habe gelesen, dass Konzentration bei schlechter Luft stark abnimmt – vielleicht lüften wir kurz?“

3. Verantwortung übernehmen (statt auf andere warten)
Warten Sie nicht auf die „zuständige Stelle“.
Wenn Sie in Ihrem Raum täglich arbeiten, dann dürfen – und sollten – Sie mitreden.

Und das gilt für Sekretariate, Lehrerzimmer, Konferenzräume und Pflegeeinrichtungen gleichermaßen.

Checkliste: So erkennen Sie schlechte Luft (auch ohne Sensor)

Anzeichen Was das bedeuten kann
Sie werden nachmittags auffällig müde Sauerstoffmangel
Sie haben öfter Kopfschmerzen im Büro erhöhter CO₂-Wert
Ihre Kinder husten ständig, obwohl sie nicht erkältet sind reizende Raumluft
Ihre Eltern oder Großeltern wirken apathisch mangelnde Sauerstoffzufuhr
Gespräche werden gereizter unterschwellige Unzufriedenheit durch schlechte Luft

Der Trick ist: Nicht mehr weghören.
Nicht mehr kleinreden.
Nicht mehr normalisieren.

Was Schulen, Büros und Pflegeeinrichtungen konkret tun können – ohne Millionenbudget

Luftqualität verbessern ist keine Raketenwissenschaft – sondern eine Frage des Willens

Oft heißt es:
„Wir würden ja, aber das kostet zu viel.“
„Die Technik ist zu aufwendig.“
„Dafür haben wir kein Budget.“

Falsch.

Es gibt sofort umsetzbare Lösungen – für jeden Ort, jedes Alter und jede Raumgröße.

A. In Schulen und Kitas

Maßnahme Wirkung Aufwand
CO₂-Ampeln in jedem Klassenraum Zeigt Kindern und Lehrkräften an, wann gelüftet werden muss gering (ca. 50 €)
Stoßlüften nach der 20-5-20-Regel 20 Minuten lüften, 5 Minuten Pause, 20 Minuten weiterarbeiten kostenlos
Lüftungspat*innen ernennen Kinder übernehmen Verantwortung im Wechsel niedrig, pädagogisch wertvoll
Mobile Luftreiniger in schlecht belüfteten Räumen Filtert Viren, Feinstaub und Pollen ab ca. 300–600 € pro Raum

B. In Büros und Sekretariaten

Maßnahme Wirkung Aufwand
HEPA-Filtergeräte anschaffen Verbesserung der Luft in Mehrpersonenbüros ab ca. 250 €
Drucker aus dem Raum verbannen Senkung der Ozon- und Feinstaubbelastung kostenlos (Raumtausch)
Raumplan überdenken (weniger Verdichtung) Mehr Abstand, bessere Luftzirkulation mittlerer Aufwand
Pflanzen für Wohlfühlklima aufstellen kein Ersatz für Filter – aber positive Wirkung auf Wohlbefinden gering

C. In Pflegeheimen und Senioreneinrichtungen

Maßnahme Wirkung Aufwand
Regelmäßiges Lüften nach Plan, ggf. mit CO₂-Sensor Senkt Infektionsrisiko, hebt Stimmung kostenlos bzw. gering
Luftreiniger in Aufenthaltsräumen Entlastung für Atemwege mittlerer Aufwand
Schulung für Pflegekräfte zu Raumluftqualität Sensibilisierung für Zusammenhänge mit Erschöpfung, Verwirrung u. Ä. Schulungskosten
Besuchszeiten an gute Lüftung koppeln Planung nach Hygienekriterien kostenlos

Wissenshäppchen für die Argumentation im Team

  • Gute Luft kostet weniger als ein Krankheitstag
  • Luftfilter brauchen weniger Strom als ein Wasserkocher
  • Lüften senkt nicht nur Keimlast, sondern erhöht die Denkgeschwindigkeit

Schlussgedanke – Luft ist Leben. Punkt.

Wir haben gelernt, Risiken zu erkennen, wenn sie laut, sichtbar oder bedrohlich daherkommen.
Aber schlechte Luft ist leise. Sie macht sich nicht bemerkbar – bis sie zu spät wirkt.

Deshalb ist sie so gefährlich.

Wenn Kinder dauerhusten, Eltern apathisch werden und wir im Büro nachmittags geistig abschalten,
dann liegt das oft nicht an Erziehung, Alter oder Motivation.

Sondern an dem, was zwischen uns schwebt: Luft, die wir nicht mehr als Lebensmittel behandeln.

Dieser Beitrag will keine Panik machen.
Sondern ein Bewusstsein schaffen.
Für Schulen, Büros und Pflegeheime. Für Kolleginnen, Führungskräfte, Eltern.
Für alle, die Verantwortung tragen – auch für das Unsichtbare.

Denn gute Luft ist keine Wellness-Option.
Sie ist Grundversorgung. Für alle Generationen.

Klartext zur Luftqualität

1. Warum ist schlechte Luft in Innenräumen gefährlich?
Weil sie unbemerkt wirkt: Konzentrationsverlust, häufigere Infekte, Kopfschmerzen – sogar Stimmungsschwankungen können durch CO₂-Überlastung entstehen.

2. Wer ist besonders betroffen?
Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen – aber auch gesunde Erwachsene spüren die Folgen bei hoher Belastung.

3. Was kostet ein CO₂-Messgerät?
Gute Geräte sind bereits ab 40–60 € erhältlich. Sie zeigen objektiv an, wann gelüftet werden sollte.

4. Sind Pflanzen ein Ersatz für Luftfilter?
Nein. Pflanzen verbessern das Klima subjektiv, aber filtern keine Viren oder Feinstaub in wirksamer Menge.

5. Was kann ich als Einzelne*r tun?
Fragen stellen. Luft messen. Lüften. Themen anstoßen. Andere sensibilisieren. Verantwortung übernehmen – ohne alles allein lösen zu müssen.

Viele der hier behandelten Inhalte entstehen aus dem Austausch mit Teilnehmenden der Fachtagungsreihe des Verbands der Sekretärinnen. Sie spiegeln Fragen, Erfahrungen und Entwicklungen aus dem Büroalltag rund um das Thema Gesundheit im Sekretariat wider. 

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